avantasia_themysteryoftimeZwei Künstler, beide zerfressen vom Neid (Arjen Lucassen, weil Alice Cooper  lieber mit dem Tobi als mit dem Arjen spielt, und Tobi, weil er nicht so eine schöne Hose wie Arjen hat) haben sich verbündet, um ein symphonisches Meisterwerk zu schaffen. Halt! Da bin ich irgendwie zu spät dran. Das war ja schon vor 5 Jahren. Aber egal. Ich bin mir ganz sicher, daß Tobias Sammet sich vor Neid über die schönen Hosen und Stiefel des Herrn Lucassen gerade die Fingernägel blutig kaut.


Eh...aber darum geht’s hier ja gar nicht. Außerdem hat Arjen Lucassen ja auch nur ein Solo zu „The Mystery Of Time“ (in „The Watchmakers Dream“) beigesteuert und damit in der Tat auch ein paar deutliche AYREON-Klänge auf „The Mystery Of Time“ gezaubert. Aber so schreibt's sich halt reißerischer. Ha! Doch jetzt wollen wir mal etwas sachlicher werden (oder es zumindest versuchen):

Eigentlich hatte Tobias Sammet ja 2011 in Wacken das Ende von AVANTASIA verkündet. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt (und was die SCORPIONS können, kann AVANTASIA auch) und so gibt es nun doch noch mal ein neues Album (naja, eigentlich, weil der Herr Sammet einfach die Finger nicht bei sich behalten kann und unter chronischer Songschreiberitis leidet). Und nicht nur das, AVANTASIA werden auch noch einmal auf Tour gehen und das macht den Schreiber dieser Zeilen sehr, sehr glücklich. Aber ich laber' schon wieder rum, hier soll es ja um „The Mystery Of Time“ gehen.

Zum ersten Mal arbeitet Tobias Sammet bei dieser Scheibe mit einem echten Orchester und keinem Orchester aus der Dose. Und das hört man. Schon der Opener „Spectres“ beginnt mit gewaltigen, mächtigen und erhabenen Orchesterpassagen. Was dazu führt, daß man erst mal auf der Hülle nachschauen muß, ob man hier wirklich ein AVANTASIA-Album oder doch die letzte NIGHTWISH gegriffen hat. Gut, nach anderthalb Minuten setzt dann Tobias Sammet ein und spätestens dann sollte einem klar werden, daß das nicht NIGHTWISH sind und von jetzt an klingt es auch nach einem typischen Sammet-Produkt. Aber etwas auffällig ist das schon. Aber legen wir es mal im Fach „Inspiration“ ab. Dafür zeigt Tobias Sammet bei diesem Song aber auch, daß er seinen Status nicht umsonst inne hat. Orchester und „Band“ sind perfekt aufeinander abgestimmt, und der Mann zeigt eine 1A-Gesangsleistung. Bei „Spectres“ stimmt einfach alles. Mal sehen, ob es so weiter geht.

„The Watchmakers Dream“ beginnt, wie sich das für einen Traum so gehört, ziemlich verspielt und könnte eigentlich auch gut auf einem Album von EDGUY stehen. Und weil sich auch ein Herr Sammet dem 70er-Revival-Trend nicht entziehen kann, beglückt uns hier auch noch die Hammondorgel des Todes. Doch fröhlich und leicht kann der Hörer hier zusammen mit Joe Lynn Turner (RAINBOW, Ex-DEEP PURPLE) durch die Botanik springen.

Botanik ist auch ein gutes Stichwort für den nächsten Song, „Black Orchid“ (ich werd' noch zum König der Überleitungen. Jawohl!). Hier wird Tobias Sammet von Biff Byford (SAXON) unterstützt und die beiden geben wirklich ein hübsches Paar ab, das perfekt mit dem Orchester harmoniert. Gerade bei diesem Song kommt das Orchester gut zur Geltung und gibt dem Song das gewisse Etwas. Trotzdem büßt der Song nichts an Härte ein, wird gegen Ende aber ziemlich ruhig.

„Where Clock Hands Freeze“ ist ein etwas seltsamer Song. Auch er ist sofort als typische Sammet-Komposition entlarvt. Das geht soweit, daß sogar die Drums nach EDGUY klingen, obwohl sie dieses mal gar nicht von Felix Bohnke sondern von Russel Gilbrook (URIAH HEEP) eingespielt wurden. Und obwohl der Song eher nach AVANTASIA klingt, was er ja auch soll. Denke ich. Der zu Beginn sehr ruhige und majestätisch schreitende Song entwickelt sich dann aber doch noch zu einer richtig schön rockigen Nummer, die einfach Spaß macht und auch an die Ursprünge des Projekts erinnert. „Sleepwalking“, der einzige Song mit weiblichem Gesang (von Cloudy Yang), ist dann endlich die Quotenballade, auf die schon jeder insgeheim (los, gebt es zu!) gewartet hat. Sehr bombastisch, sehr romantisch, sehr schön, sehr AVANTASIA. Vielleicht einen Tick zu poppig, aber das hat zumindest mich noch nie gestört. Ich mag guten Pop (und poppen. Hähä!).

„Savior In The Clockwork“ (warum eigentlich American English?) ist einer der beiden Über-10-Minuten-Trümmer auf „The Mystery Of Time“, die aber beide zu keiner Minute langweilig werden (das schieb' ich jetzt hier einfach mal vorweg). Der Retter beginnt sehr leise und mystisch, um dann sehr schnell sehr bombastisch zu werden und vom Orchester ausgiebigen Gebrauch zu machen. Hier gibt es viele der AVANTASIA-typischen Chorpassagen, aber auch herrlich sägende Gitarren, die den Song einfach zu einem akustischen Genuß machen. Dazu kommen noch die Gesangsleistungen von Joe Lynn Turner, Biff Byford, Michael Kiske und natürlich Tobias Sammet.

Und weil das mit den Gitarren bei „Savior In The Clockwork“ so prima geklappt hat, bekommen sie mit „Invoke The Machine“, dem härtesten Stück der Scheibe, gleich einen ganzen Song, auf dem sie sich mal so richtig austoben dürfen. Unterstützt werden sie dabei von Ronnie Atkins (PRETTY MAIDS) der dem Song auch nochmal einen etwas härteren Anstrich verleiht.

Damit das Orchester aber nicht weinen muß, schiebt man mit „What's Left Of Me“ gleich noch eine Ballade hinterher. Zusammen mit Eric Martin (MR. BIG) schmachtet sich Tobias Sammet durch den Song. Nein, das war jetzt gemein, das war schon wieder reißerisch. Tatsache ist aber, daß „What's Left Of Me“ eine an BON JOVI-Herzschmerzballaden erinnernde, mit vielen Chören untermalte (ich habe jetzt irgendwie die schunkelnden „Sister Act“-Chöre vor Augen. Kann jemand machen, daß die weggehen?) Poprockballade ist. Was aber nicht heißt, daß der Song schlecht ist. Ist halt nix für den evil Metaller (obwohl...tief in jedem Metaller wohnt doch eine kleine Prinzessin, die auf BON JOVI steht, oder?), aber der hört sowieso kein AVANTASIA.

Dafür geht’s aber bei „Dweller In A Dream“ nochmal richtig zur Sache. Da erschrickt man fast, ist man doch noch von den süßen Klängen von „What's Left Of Me“ eingelullt. Das macht aber nix, denn hier sollte man hellwach sein. „Dweller In A Dream“ gehört auf jeden Fall zu meinen persönlichen Favoriten auf der Scheibe. Insbesondere die Wechsel zwischen den Sängern wissen hier sehr zu gefallen. Würde man den Bombast streichen, könnte der Song sicher auch auf einem EDGUY-Album stehen, aber das macht mir mittlerweile nix mehr aus.

Außerdem geht’s jetzt zum großen Finale. „The Great Mystery“, der Quasi-Titelsong, durchbricht die 10-Minuten-Grenze und beherbergt viele Gastsänger in seinem Zuhause. Auch dieser Song beginnt ganz ruhig, nur mit Klavier und Gesang. Trotz vieler rockiger Phasen bleibt „The Great Mystery“ im Großen und Ganzen aber ruhig. Hier darf auch das Orchester nochmal so richtig ranklotzen. Und das klingt verdammt gut (höre ich da eigentlich John Miles' „Music“ raus? (sucht man auf Youtube nach „Music“, stehen daneben übrigens auch AVANTASIA-Songs... Zufall?)). Einziger Wermutstropfen: Der Schluß ist irgendwie zu typisch für ein Songende geraten und wirkt damit etwas einfallslos. Und überhaupt kommt der viel zu plötzlich. Nach 10 Minuten hat doch keiner mehr damit gerechnet, daß der Song überhaupt irgendwann aufhört. Nein, ernsthaft; ich hätte hier noch viel länger zuhören können.

Denn trotz daß der Song so lang ist und trotz daß das gesamte Album über eine Stunde Spielzeit hat, vergeht die Zeit beim Zuhören wie im Flug. Allerdings muß man sich das auch erstmal erarbeiten, denn „The Mystery Of Time“ braucht mehrere Durchläufe. Die Scheibe ist einfach zu komplex, um sie schon beim ersten Hören komplett zu erfassen. Da wirkt sie irgendwie nicht so spektakulär. Aber es kommt, Leute, es kommt. Man muß diesem Werk nur die Chance dazu geben.

Denn ein Werk ist es wirklich. Man mag diese Art von Musik jetzt mögen oder nicht, das sei ja jedem selbst überlassen. Aber kompositorisch und von der musikalischen Umsetzung her ist das hier ganz großes Kino. Eh...Oper. Oder sowas ähnliches. Auf jeden Fall ganz, ganz großartig.

Etwas schade finde ich, daß der Anteil an weiblichem Gesang nochmal reduziert wurde. Sehr schade, daß Tobias Sammet so ein Female Vocals-Nazi ist. Jemand sollte ihm Alice Schwarzer auf den Hals hetzen...wobei...die beißt ihn wahrscheinlich tot...lieber nicht. Vielleicht sollte man ihm einfach eine Zwangsmitgliedschaft bei Eintracht Frankfurt androhen. Nein im Ernst: ich denke, mit ein paar weiblichen Sängern könnte man den Songs noch mehr Farbe, noch mehr Abwechslung und Tiefe geben. Es muß ja nicht die Trällerelse von Nebenan sein. Es gibt doch so viele tolle Sängerinnen im Metal- und Rockbereich. Ich fänd's cool.

Trotz meines Rumgejammers zum Schluß finde ich aber, daß „The Mystery Of Time“ ein Album geworden ist, an dem es kaum was auszusetzen gibt (als Frau hab' ich natürlich trotzdem was zum meckern gefunden). Tobias Sammet hat es geschafft, Orchester und Metal perfekt zu verbinden und dabei aber nicht übertrieben bombastisch zu klingen, auch nicht so bombastisch wie NIGHTWISH zum Beispiel. AVANTASIA rocken immer noch ganz gehörig und „The Mystery Of Time“ ist ein verdammt starkes Album geworden. (Anne)


Bewertung: 9 / 10

Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 61:57 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin: 29.03.2013

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