ParadiseLost TPW160pxmehrfach-soloGut drei Jahre sind seit der Veröffentlichung von "Tragic Idol" vergangen, ein Album, welches alte und neue Fans gleichermaßen glücklich gemacht hat und dementsprechend sich weit oben in den Charts platzieren konnte. Nach zahlreichen Liveauftritten rund um den Globus hat man sich Ende 2014 dann an den Nachfolger gesetzt. Die Marschrichtung gab jedoch Rätsel auf. Gregor Mackintosh hatte mit VALLENFYRE ein heißes Oldschool-Death-Metal-Eisen im Feuer und auch Nick Holmes trat als neuer Sänger von BLOODBATH in Erscheinung, wo er prächtig growled und keift. Sollten das also die Anzeichen sein wie die neue PARADISE LOST klingen wird? Back To The Roots hat man ja schon öfters versprochen, jedoch blieb man dabei immer im kommerziell erfolgreichen Rahmen. Nach den ersten Hördurchgängen des neuen Albums wird einem aber klar, hier wird gründlich anders musiziert.

Haben PARADISE LOST plötzlich das Gefühl für ihre eigene Musik verloren? Die Band hat über die letzten 25 Jahre konsequent Neues ausprobiert und es war bisher immer stimmig. Nun präsentieren sie sich auf ihrem neuen Opus "The Plague Within" wie eine Patchwork-Decke. Nichts passt wirklich zusammen. Es werden Riff und Solos aneinandergestückelt. Herr Holmes überrascht, wie schon bei dem neuen BLOODBATH-Album "Grand Morbid Funeral" mit Growling, welches durch den seit Jahren ausgereiften Klargesang ergänzt wird. Das Growling wirkt jedoch stellenweise wie gewollt und nicht gekonnt bzw. sehr gezwungen. Es wirkt vor allem hochgradig gefühllos, lustlos. Hier geht nach dem ersten Hören kein einziger Song unter die Haut, was wirklich erstaunlich ist, denn bisher war auf jedem Album mindestens ein Song, welcher mich mitriss und mir stundenlange Gänsehaut bescherte.

Sicher hört man mal den ein oder anderen typischen Schlenker Richtung "Draconian Times" oder "Paradise Lost". Jedoch eine solch hohe Hitdichte wie noch bei "Faith Divides Us – Death Unites Us" und auch "Tragic Idol" sucht man vergeblich. Es ist einfach insgesamt stumpf und eine Aneinanderreihung tief gestimmter monotoner Riffs, welche mal zäh, mal schnell, mal abgehackt gespielt werden. Elegante Schnörkel und verspielte dunkle Melodien von Gegor Mackintosh sucht man mit der Lupe bzw. diese sind stark in den Hintergrund gemischt. Sind diese Ideen womöglich komplett verbraucht? Das ganze Album fließt überwiegen zäh aus dem Lautsprechern. Bei Passagen, bei denen man meinen würde "jetzt wird es episch" sackt das Lied stimmungsmäßig ab und verharrt in Dunkelheit. Es wirkt tot und leer - wie eine letzte Pflichterfüllung und das vom ersten Moment des Anhörens. Einzig "Flesh From Bone" ragt etwas heraus, wobei man hier entfernt an SATYRICON erinnert wird (die das aber viel besser drauf haben, so eine zähe Schlachtplatte mit Doublebass-Untermalung zu servieren).

"Cry Out" wirkt nochmal eher wie ein PARADISE LOST Song, jedoch meine ich, dass Nick Holmes Schwierigkeiten hat, Passagen zu singen, bei denen man einen langen Atem benötigt und sich wie auch bei den vorangegangen Liedern, auf kurze abgehackte Strophen beschränkt. Gut, ok! Wenn man beim letzten Song "Return To The Sun" angelangt ist, wird es ein wenig episch und anmutig, aber insgesamt komme ich echt schlecht drauf bei dieser Musik und das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Entweder man hat einen Soundtrack zum Selbstmord oder einen, um super Sex dabei zu haben. Möglicherweise ein Konzept, das erst entdeckt werden möchte und sich nicht gleich erschließt? Hoffnungslosigkeit war ja immer schon ein Bestandteil der Musik von PARADISE LOST, jedoch so hoffnungslos habe ich die Band auf noch keiner Veröffentlichung vernommen. Alben wie "Gothic" und "Shades Of God" sind einmalig und sollten nicht zwingend wiederbelebt werden, nur um mal wieder eine verloren geglaubte Facette der Musik hinzuzufügen. Es wirkt auf mich leider wie gewollt und nicht gekonnt und ich kann mir beim besten Willen kein Lied von "The Plague Within" live präsentiert vorstellen. Sehr enttäuschend und man blickt wehmütig zurück. Großartig hoffnungslos - gibt es so ein Gefühl überhaupt?
Ist das Paradies nun endgültig verloren?
Nein, zum Glück nicht!

Nach dem ersten Schock habe ich mir vorgenommen dem Album noch eine Chance zu geben und habe es mir ein paar Tage später bei besserer Laune nochmals angehört. Jetzt konnten mir die depressiven Schwingungen nichts anhaben und ich konnte endlich Strukturen und Ohrwürmer erkennen, die ich am Anfang so vermisst hatte! Wenn man sich an diese Grundstimmung mal gewöhnt hat, entdeckt man tatsächlich Perlen, die sehr gelungen sind. "Punishment Through Time" klingt im ersten Moment nach CROWBAR und überhaupt könnte verdächtig oft TYPE O NEGATIVE bei vielen Songs Pate gestanden haben. Man wünscht sich Pete Steele herbei, der den Songs stimmlich noch etwas mehr Tiefe verleihen würde. Die sehr tiefe Stimmung der Lieder lässt einen zusammen zucken, beim mehrmaligen Hinhören erkennt man jedoch eindeutig die DNA von PARADISE LOST, welche so noch nie in Erscheinung getreten ist. Die pure Hoffnungslosigkeit wurde hier auf die Spitze getrieben und ich kann nur jedem mit starken Tendenzen zu depressiven Phasen empfehlen, sich dem Album fernzuhalten, bis sich die Laune wieder gebessert hat. Kann man jetzt PARADISE LOST den Vorwurf machen hier gibt es keine Hits? Man sollte ihnen zum Album mit der hoffnungslosesten Stimmung überhaupt gratulieren. So, dann lege ich mal die Rasierklinge zur Seite und gehe im Sonnenschein spazieren, immer im Hinterkopf das Interview mit Nick Holmes in dem er darlegte, dass er keine fröhlichen Songs wie "I'm Walking On Sunshine" schreiben könne - stimmt! (Andreas) 

 

Bewertung: 8 / 10


Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 50:11 min
Label: Century Media
Veröffentlichungstermin: 01.06.2015

Wertung der Redaktion
Rainer Jannick Klaus Maik Anne Jochen Katharina
 7,5 7,5  6 7,5  6,5 6
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